Projekte werden überschätzt. Es geht immer um Produkte & Services! 

DAS PROJEKT. Das klingt wie der Buchtitel eines dramatischen Krimi-Romans. Dabei sind Projekte nur Mittel zum Zweck. Sie stehen nicht über allen Dingen, sondern dienen dienen der Realisierung von Produkten und Services. Die falsche Bedeutungs-Beimessung führt in Unternehmen häufig zu falschen Handlungen.

Projekt-Manie

Manche Organisationen haben einen regelrechten Projektwahn. „Dem Projekt“ wird in vielen Organisationen enorm viel Bedeutung beigemessen, oft alles danach ausgerichtet. Es ist begleitet von geläufigen Begriffen wie Projekt-Budget, Projekt-Manager, Projektleitung, Projektstrukturplan, Projektbericht und Projekt-Mitarbeitern in Projekt-Abteilungen.

DAS PROJEKT ist in den Begrifflichkeiten so manifestiert und allgegenwärtig, dass man meinen könnte, es sei das oberste, wichtigste von allem. Es klingt wie der Buchtitel eines dramatischen Kriminalromans. Dabei sind Projekte schlichtweg Mittel zum Zweck. Das geht schon aus der Definition hervor:

Ein Projekt ist ein zeitlich begrenztes Vorhaben und dient der Erfüllung eines bestimmten Zweckes.

Projekte müssen Sinn ergeben

Ich möchte die Beschreibung gern erweitern um „… dient immer der Erfüllung eines höheren Sinn & Zweck„. Denn Kunden kaufen kein Projekt. Sie bezahlen für eine Leistung. Kunden haben eigentlich auch keine Erwartungen an Ihr Projekt – außer vielleicht, dass es zeitig fertig wird. Vielmehr erwarten sie, dass etwas aus dem Projekt heraus für sie entsteht, das ihnen in irgend einer Form einen Nutzen bringt, eine Leistung erfüllt:

Es macht einen Job angenehmer, spart Zeit oder Geld oder erhöht das Prestige. Es ist sicherer in der Anwendung, schöner, schneller … das ist der höhere Sinn & Zweck, den ich meine.

Produkte in den Mittelpunkt stellen

Egal, was Sie tun, Sie bieten immer Produkte oder Services an: Motorteile, Kfz-Anmeldungen, Telefon-Hotlines, eine ERP-Software, Platinen für Kleinstrechner, einen Umzugsservice, Beratungsleistung, Brückenbau und Tunnel bohren oder die ultimative Trainings-App:  Sie alle sind Beispiele dafür, dass es immer um das Erstellen von Produkten und anbieten von Services geht. Folgendes Bild soll verdeutlichen, wie sich der Zusammenhang von Produkten & Projekten darstellt:

Kunden haben ERWARTUNGEN/ANFORDERUNGEN
..an ein PRODUKT/SERVICE
..Produkte haben VERSIONEN/VERSIONIERUNG
..werden umgesetzt im Rahmen von PROJEKTEN
..und ausgeliefert über einen oder mehrere RELEASES

Teamwork
Die Realisierung komplexer Produkte und Services ist meist eine Team-Leistung.

Dieses Schema gilt für jede Art von Produkt oder Service, nicht nur für die Software-Entwicklung. Dazu folgende Beispiele:

  1. Entwicklung von Apps: Eine kleine Entwickler-Schmiede hat sich auf App-Entwicklung spezialisiert. Kunden kommen mit Ihren Ideen und Wünschen, die Entwickler-Schmiede nimmt die Anforderungen auf und setzt diese in mehreren Produktversionen um. Jede Version wird zusammen mit dem Kunden begutachtet und dann in den App-Stores releast (veröffentlicht).  Jedes Release erhöht den Funktionsumfang. Ebenso wird Kunden-Feedback für die weitere Entwicklung berücksichtigt und es werden Fehler und Mängel behoben.
  2. Elektro-Mountainbikes in Serienfertigung: Ein globaler Fabrikant und Vermarkter von EMTBs bringt jedes Jahr neue Modelle seiner MTB-Serien heraus. Einige Serien sind so beliebt, dass sie sich seit Jahren gut verkaufen. Das tun sie aus folgendem Grund: In die Anforderungen/Erwartungen für das Produkt fließen eigene Ideen, Marktbeobachtungen (was macht die Konkurrenz?), neue Komponenten-Techniken sowie das Feedback der Händler und Käufer. So kommt jedes Jahr eine grundlegend neue Version des Topsellers auf den Markt, die im laufenden Jahr durch kleine Änderungen an der Ausstattung Kostenoptimiert wird. Durch exklusive Kooperationen und Sonderlacke wird der Topseller zudem über weitere saisonale Releases im Jahr „emotional aufgeladen“ und findet zu deutlich höheren Preisen seine Abnehmer. Diese schätzen die limitierten Auflagen aufgrund ihrer Hochwertigkeit, der Exklusivität und Individualität. So ein Bike hat nunmal nicht jeder.
  3. Re-Organisation einer Firma:  Ein regionaler Strom-Anbieter möchte alle seine Prozesse und Vorgänge digitalisieren, um schneller und flexibler auf Kunden-Bedürfnisse und Markt-Veränderungen reagieren zu können, ohne dass die haus-internen Kosten explodieren. Dazu holt sich die Firma Unterstützung von einem Beratungs-Unternehmen. Diese nehmen Erwartungen und Ziele auf und entwickeln gemeinsam mit der Firma einen Plan zur schrittweisen Umsetzung des Vorhabens (Releases) sowie Metriken, um den Fortschritt darzustellen und nach Erfolgskriterien bewerten zu können.

 

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Nach wie vor werden Vorhaben im Rahmen von Projekten – oder im agilen Kontext würde man von Iterationen bzw Sprints sprechen – umgesetzt. Und das muss professionell gemanaged und umgesetzt werden. Aber nie dient das Projekt einem Selbstzweck! Es gibt immer höhere Ziele, zu erfüllende Erwartungen, den neuen Status Quo auf den es ankommt. Konzentrieren und organisieren Sie sich nur um „das Projekt“ herum, ist das Risiko groß, dass der eigentliche Sinn & Zweck – das „wofür und für wen machen wir all das eigentlich?“ verschwimmen oder gar verloren gehen. Das kann zu einigen Negativ-Effekten wie den folgenden führen:

  • Werte und Ziele der Firma unklar (Wofür steht Sie? Wofür nicht?)
  • leidende Identifikation mit den Produkten & Services
  • Formalismus gewinnt Oberhand, Verantwortungsübernahme & Flexibilität gehen verloren
  • mehr Beschäftigung mit sich selbst (innen) statt im außen (Kunden/Märkte/Wettbewerb)
  • Mitarbeiter-Motivation sinkt, Blick für Zusammenhänge fehlt
  • Berichte & Reports werden schön-„getweakt“: niemand mag rote Zahlen
  • Leidenschaft & Emotionalität für die Entwicklung begeisternder Produkte & Services sinkt
  • Kleinteiligkeit wird gefördert, der Blick für das Ganze geht verloren
  • Fokus auf Effizienz und nicht Effektivität
  • Alles wird nur noch rational nach Zahlen betrachtet, die Menschen & Produkte werden unwichtiger

Machen Sie keine erfolgreichen Projekte, machen Sie geile Produkte!

Haben Sie  einige der oben beschriebenen Effekte bereits erlebt? Viele davon entstehen aus der falschen Bedeutungs-Beimessung von Projekten ggü Produkten und Services. Dieses andere Verständnis ist u.a. ein wesentlicher Kern der Agilität. Agile Teams formen sich um Produkte und liefern jeden Monat oder häufiger etwas, mit dem Auftraggeber/Kunden etwas anfangen können. Und wenn Sie jeden Monat ohnehin etwas liefern, stellt sich nicht die Frage nach „dem Projekt“ und wann was fertig ist. Sie haben automatisch Fokus auf das Produkt – auf das, was der Kunde unbedingt als nächstes braucht und haben möchte. Sie können den Scope (also die Inhalte/Funktionalitäten) regelmäßig und wenn´s sein muss, flexibel, anpassen.

 

 

 

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