Verantwortung übertragen: mit dem Responsibility Process

„Mitarbeiter sollen gewissenhaft arbeiten, selbstständig entscheiden und Verantwortung übernehmen.“ Ich kenne keine Organisation, die das nicht fordert und erwartet. Aber viele, die ungeübt darin sind, Verantwortung schrittweise zu übertragen und sich entsprechender Practices & Modelle bewusst sind. Anschaulich wie hilfreich ist Christopher Avery´s „Responsibility Process“.

Responsibility Process

Im September 2016 wurde das gleichnamige Buch von Christopher Avery veröffentlicht. Er beschäftigt sich darin mit den mentalen Prozessen und Strategien persönlicher Verantwortungs-Übernahme und -Übertragung. Mit dem „Resonsibility Process“ liefert er ein anschauliches – und wie ich finde – praxistaugliches Modell zur Selbst-Reflexion und Anwendung.

Verantwortung übernehmen und übertragen

Christopher Avery beschreibt es so: „Verantwortungs-Übernahme ist kein Charakterzug, es ist ein mentaler Prozess“ und macht damit deutlich, dass es vor allem ein Lern-Prozess ist. Um persönliche Verantwortung zu übernehmen oder auch zu übertragen, braucht es grundlegend

  • Intention – den Willen und die Absicht, etwas anders zu machen und aktiv zu handeln
  • Awareness – ein Bewusstsein bzw zunächst das „bewusst machen“ und verstehen der ablaufenden Prozesse und Strategien
  • Konfrontation – Erkennen führt zu Selbst-Reflexion und ermöglicht auch im Dialog mit anderen, Konflikte aktiv anzusprechen und aufzulösen
Quelle: pixabay
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Different boats oder All in the same boat?

Was hinter Avery´s Modell steckt und heute an Verhalten erlebbar ist, wird mit der Metapher  „Different boats“ – „All in the same boat“ deutlich. Stellen Sie sich vor folgendes vor:

Different Boats
John & Stan
sitzen in verschiedenen Booten.
John bemerkt, dass Stan ein Loch in seinem Boot hat.
Was wird er tun?

  • Stan informieren, dass er ein Loch in seinem Boot hat
  • auf Facebook posten, dass Stan ein Problem hat
  • Nichts, denn es ist nicht John´s Problem
  • Ignorieren. Wenn Stan sinkt, steht John vielleicht besser da
  • Stan´s Boot rammen, um das Loch & die Misere zu vergrößern

Denken Sie einen Moment drüber nach … was wäre vernünftig und richtig? Was haben wir alle schon erlebt in Firmen, Abteilungen, Teams?

All in the same boat
Jane & Sally
sitzen im selben Boot.
Jane bemerkt, dass das Boot ein Loch direkt neben Sally hat.
Was wird Jane tun?

  • das Problem ignorieren
  • auf Facebook posten: „Sally hat ein Problem…“
  • Sally antippen und sagen: „Sally, wir haben ein Problem!

In meinen Workshops reichen die Reaktionen auf diese Metapher von amüsiert bis erschrocken. Letzteres vielleicht deshalb, weil man schon oft dieses „wir sitzen alle in einem Boot“ gehört hat. Aber womöglich hat man doch eher wie John gehandelt … und zwar der ignorante John. Nicht, weil man´s gern macht. Sondern weil die Zusammenhänge nicht klar waren und das Bewusstsein, die Aufmerksamkeit fehlte.

Dabei hilft der Responsibility Process. Er unterscheidet verschiedene Stufen/Ebenen des Verhaltens, die im Grunde alle dazu führen, sich nicht ernst- und gewissenhaft mit einem Problem auseinanderzusetzen. Keine tiefere Erkenntnis zu gewinnen und Muster zu erkennen, um in den inneren Dialog zu gehen oder diesen mit seinem Gegenüber in der sachlichen Konfrontation aufzuklären.

Christopher Avery: Responsibility Process

  1. LEUGNEN   Existenz d. Problems wird geleugnet oder ignoriert
  2. BESCHULDIGEN  andere sind die Verursacher
  3. RECHTFERTIGEN  es gibt Ausreden und man ist machtlos, weil das System oder die Orga eben sind, wie sie sind
  4. SCHÄMEN  man selbst ist das Problem, nur nach innen gerichtet, passiv
  5. VERPFLICHTUNG  man tut etwas, weil es getan werden muss (nur nicht freiwillig)
  6. FLIEHEN / INNERE KÜNDIGUNG  man gibt auf, um Punkt 4 & 5 zu entfliehen
    …………………………………………………..
  7. VERANTWORTUNG  Fähigkeit & Kraft haben, selbst zu wählen, Leben & Umfeld aktiv zu gestalten (Schicksal selbst bestimmen)

Das Modell repräsentiert natürliche mentale Stufen mit jeweils eigener (interpretierter) Sicht auf die Dinge. Vielfach ordnen und urteilen wir hier in simplen Ursache-Wirkungs-Ketten.  Die ersten sechs Stufen repräsentieren, wie wir mit Problemen umgehen, die wir aktuell nicht gut einordnen können – zu denen wir wenig wissen oder wie diese zu lösen sind. Sie sind eine Art Verteidigungs-Strategie. Leider löst sich in diesen mentalen Stufen ein Problem nicht auf. Es besteht weiterhin oder verstärkt sich gar, aber wir haben eine innere Haltung eingenommen, die uns in gewisser Weise davor beschützt. Die siebte Stufe repräsentiert wirkliche Verantwortungs-Übernahme – den top mentalen Zustand, der sich dem Problem zuwendet. Es akzeptiert, angeht und löst. Hieran wachsen wir, machen wir (Lebens-)Erfahrungen. Es führt dazu, dass wir das Problem besitzen und aktiv beeinflussen wodurch es irgendwann eben gar kein Problem mehr ist, sondern gar zum Vorteil werden kann. Aus der systemischen Betrachtung wissen wir, dass jedes Problem stets auch positive Aspekte mit sich bringt. Dass aus der Akzeptanz und Zuwendung Entwicklung möglich wird.

Hinter dem Modell steht ebenso der ganz wesentliche Unterschied zwischen Verantwortung tragen oder  verantwortlich sein „being responsible“ und tatsächlich Verantwortung übernehmen „taking Responsibility“. Sieht man zB aktuell in der Führungsspitze des VW-Konzerns im Kontext des Abgasskandals: Viel Verantwortung für vieles, nur nicht ernsthaft Verantwortung übernehmen.

Avery drückt den Unterschied so aus: „Being responsible is a commitment to being good and doing right (even if you´re miserable in doing so). Taking responsibility is a commitment to own your life, to self-leadership, personal growth and freedom.“

 

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