Retrospektive mal anders: Genie in a bottle

Die Retrospektive ist im Scrum-Kontext ein wichtiges Event zur kontinuierlichen Verbesserung von Teams und ihrer Zusammenarbeit. Hier ist ein Scrum Master gefordert, Teams durch kreative Formate immer wieder  aus der Reserve & Komfort-Zone zu locken. Überraschend konkretes kommt bei der Retrospektive ala „Genie in a bottle“ heraus.

Retrospektive: Genie in a bottle

benötigtes Material

  • große Post-Its
  • dicke Stifte
  • Flipchart, Whiteboard o.ä.

Eignet sich  für 

  • lokale Teams in Phase Forming/Storming/Norming/Performing
  • bedingt für Remote-Teilnehmer/-Teams

Idee / Vorgehen

Der Scrum-Master verteilt Post-Its und Stifte an jeden Teilnehmer der Runde. Er beschreibt die folgende Aufgabe in Form einer Geschichte, etwa:
„Stellt euch vor, ihr spaziert gemütlich einen Strand entlang und findet eine Flasche. Nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere: Sie enthält einen Flaschengeist! Natürlich öffnet ihr voller Neugier & Erwartung die Flasche und euch erscheint ein Genie. Dieser gibt euch drei Wünsche frei und sagt: 

  1. Wünsche dir etwas für dich selbst
  2. Dann formuliere einen Wunsch für dein Team
  3. Und zum Schluss wünsch dir etwas für die Welt

Und nicht mogeln: Es gibt keinen Wunsch, weitere Wünsche zu haben….

Sinn & Zweck des Formates ist es, das Team gedanklich raus zu bringen aus dem üblichen Arbeitsschema und der operativen Denke. Hinter formulierten Wünschen können sich konkrete Herausforderungen oder Probleme verbergen, die womöglich nicht bewusst sind und daher auch nicht angesprochen werden. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, dass sich manch einer schwer damit tut, sich selbst oder der Welt etwas tolles zu wünschen. Je nachdem, wie frei & selbstbewusst die Team-Mitglieder sind, erlebe ich bei dem Wunsch für die Welt häufig einen Wunsch für die Organisation.

Runde 1: Meist bereite ich ein Template auf einem Flipchart vor mit der Aufgaben-Beschreibung und den drei Wunsch-Kategorien in Spalten. Ich gebe dann den Team-Mitgliedern 10-12 min Zeit, zur Ruhe zu kommen und über ihre Wünsche nachzudenken. Ich bitte sie, jeden Wunsch leserlich auf ein Post-it zu schreiben.

Runde 2: Haben alle ihre Wünsche notiert, bitte ich die Teilnehmer, diese auf das Flipchart zu kleben und – wenn sie möchten – ein,zwei Sätze dazu zu sagen.

Schönes Ergebnis, aber die Form und Präsentation lässt sich noch verbessern
Schönes Ergebnis, aber Form und Präsentation lassen sich noch verbessern

Runde 3: Kleben alle Wünsche auf dem Flipchart, schauen wir gemeinsam, ob es evtl. sehr ähnliche oder gar gleiche Wünsche gibt. Diese werden dann gruppiert oder übereinander angeordnet. Dann folgt eine Dot-Voting-Runde. Ich gebe jedem Team-Mitglied 4 Punkte, die sie frei für ihre Wünsche oder die der anderen verteilen dürfen. Alle 4 auf einen Wunsch – oder je einen Punkt auf vier verschiedene Wünsche – oder 3 Punkte hier und 1 Punkt da … vollkommen frei.

Runde 4: Ich (Scrum Master) ordne die Wünsche pro Spalte um. Die mit den meisten „Votes“ nach oben. So wird schnell transparent, welche Wünsche bzw Themen für alle relevant bzw wichtig zu sein scheinen. Ich wiederhole, welche Top-Themen es gibt und frage, ob das für alle Anwesenden ein stimmiges Bild ergibt.

Runde 5:  Jetzt geht es daran, die wichtigen Themen/Wünsche zu konkretisieren. Wenn das Thema zum Beispiel: „Wertschätzung & Respekt“ ist, kann man fragen, was das Team bereits tut oder tun kann, um diesen Wert zu entwickeln: „Was tut ihr konkret dafür?“ „Woran merke ich oder merken andere, dass ihr euch wertschätzt und respektiert?“

Es könnte Antworten geben wie: „Wir loben uns regelmäßig für gute Arbeit“ „Wir machen 1x die Woche ein Frühstück und jeder bringt etwas mit“ „Wir laden 1x im Monat andere im Haus ein und stellen ihnen unser Team und woran wir arbeiten vor, beantworten Fragen“

 

 Praxis-Tipp: Es kann interessant sein, nicht (nur) mit dem Team zu konkretisieren, sondern die Themen unreflektiert an eine Team-, Abteilungs- oder Bereichs-Leitung zu geben. So kann man schauen, wie offen die nächst höhere Ebene ist, um sich mit solchen Hinweisen & Wünschen Gedanken über Rahmenbedingungen zu machen und wie sich diese positiv verändern lassen.  „Manage the environment, not the people“ heisst es doch so schön. Also: wie gehen moderne Manager/Leader zB mit dem Thema  „Gesundheit“ um?

Während das Team sich zB einen Tee-Vorrat besorgte und über Regeln sprach, dass jemand angeschlagenes besser im Home-Office bleibt und man zB eine Gute-Besserungs-Karte schreibt … griff die Bereichsleitung das Thema Gesundheit so auf: zweimal die Woche gab´s frisches Obst für alle Mitarbeiter und ab und an wurde ein Masseur- und Yoga-Team engagiert. Etwas später wurde diskutiert, ob und wie man Sehtests und Impfungen für die Mitarbeiter organisieren kann.

Retrospective: Genie in a bottle
Bei diesem Format kommen immer interessante Ergebnisse heraus, die sich leicht transparent darstellen lassen.

Inspect & Adapt

Wie im Bild oben zu sehen, habe ich anfangs das Bild zu groß gemacht und damit zu wenig Raum für die eigentlichen Inhalte gehabt. Ebenso gab es Teilnehmer, die alle Wünsche auf ein Post-It geschrieben haben, was das spätere gruppieren und Dot-Voting erschwerte.

Perfektionisten würden vielleicht noch darauf achten, dass jede Wunsch-Kategorie eine bestimmte Post-It Farbe erhält. Ich halte aber die Kategorien und ihre Trennung nicht für das wesentliche, sondern dass es ein gemeinsames Verständnis des Teams dazu gibt, was Ihnen gerade wichtig & stimmig erscheint. Am Ende ist es eigentlich wurscht, aus welcher Kategorie ein Thema kommt – solange das Team damit etwas anfangen kann, um das miteinander zu verbessern.

 

Geht das mit verteilten Teams/Mitarbeitern?

Ja. Hier ist ein wenig Mitarbeit und Kreativität gefragt. Ich habe es zB so gemacht, dass ich die per Remote zugeschalteten Team-Mitglieder gebeten habe, mir per Chat ihre Wünsche zu senden. Diese habe ich dann stellvertretend auf Post-Its notiert und auf das Board geklebt. Dabei habe ich natürlich geschwiegen und die Teilnehmer gebeten, ihre Wünsche/Themen selbst zu erläutern. Es funktioniert mit einer Kamera, die auf das Flipchart gerichtet wird, ganz gut. So sehen alle Teilnehmer, wie das Bild entsteht und wer grad am Flipchart steht. Am Ende lässt sich wie immer ein Foto machen und die Ergebnisse sind für´s Team verewigt.

Ich nutze das Retro-Format „Genie in a bottle“ sehr gern. Es eignet sich hervorragend für kurze, effektive Retro´s und bringt immer interessante Ergebnisse hervor mit Themen, an denen man auch längerfristig wirken kann. Daher nutze ich das Format auch nicht invasiv und zu häufig, sondern pro Team ein- bis zweimal mit vielen, vielen anderen Retro´s dazwischen. Sonst wird´s zu vorhersehbar und langweilig.

 

Probier es mal aus und schildere deine Erfahrungen mit dem Format.
Ich freue mich über dein Feedback und Anregungen.  

 

 

 

 

 

One Reply to “Retrospektive mal anders: Genie in a bottle”

  1. Sehr interessanter Ansatz, und für mich eher die Kategorie: „Kann man mal machen, damit es nicht langweilig wird.“

    Genie in a bottle ist weniger Prozesslastig und nicht typisch „was ist gut? was geht besser? …“. Daher kommen mit Sicherheit viele nicht relevante Themen, dafür wird aber auch mal über den Tellerrand geschaut.

    Meiner Meinung nach eher für ältere Teams(in Bezug auf Teamzugehörigkeit) geeignet, als frisch zusammengestellte.
    Weiter so!

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